Wie zeitgemäß sind Zoos heute noch?

FRITZ / © Heike Arranz Rodriguez
FRITZ / © Heike Arranz Rodriguez

Gorilla Fritz war drei Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Als er mit 55 starb, gehörte er zu den ältesten Gorillas der Welt. Im Zoo ist er sicher. Aber auch frei? Warum Besuche eine emotionale Achterbahn zwischen Faszination, Rührung und Scham bleiben.

 

Wenn Wildtiere in Tierparks sehr alt werden, dann wird ihr Geburtstag gefeiert wie der eines Menschen. Kürzlich wurde zum Beispiel Fatou 65 und ist damit die älteste Gorilladame der Welt. Zur Feier bekam sie im Berliner Zoologischen Garten eine Gemüsetorte.

Zootiere werden älter als in freier Wildbahn, und sie werden auch kränker. Nicht selten hört man von einem Nilpferd mit Arthrose, einem Schimpansen mit Demenz. Dann werden Pillen verabreicht, und es gibt einen Seniorenteller wegen der ausgefallenen Zähne. In den USA gibt man sogar Psychopharmaka, um Zootiere „aufzumuntern“. Wobei wir beim Thema wären: Sind die Zoos noch zeitgemäß, können sie artgerecht sein oder verdammen sie die unschuldigen Tiere zu lebenslanger Gefangenschaft? Diese Position vertritt Peta, die Tierschutzorganisation, die ein Ende von Zoos und Zirkussen fordert. Aber das ist nur eine Seite der Medaille.

In Deutschland gibt es mehr als 800 Zoos. Einer Forsa-Umfrage zu Folge betrachtet ein Viertel der Deutschen „sehr gern“, die Hälfte „eher gern“ die wilden Tiere in ihren Gehegen. Schon lange sind diese besonderen Parks ein wichtiger Bestandteil unserer meist großstädtischen Kultur. 1844 eröffnete in Berlin der erste deutsche Zoo. Neben der Erholung und Unterhaltung sollen Zoos der Bildung über die Artenvielfalt dienen. Diese Position vertritt auch die Primatenforscherin Jane Goodall. In einem Essay, den der Zoo Dortmund online veröffentlicht, wird sogar gefragt: „Kann ein Tier tatsächlich nur in der Wildnis ein artgerechtes Leben führen, was bedeutet artgerecht eigentlich für ein Individuum, und sind wild lebende Tiere überhaupt frei?“

Zoos heute sehen sich als lernende Institutionen, die die Haltung ihrer Bewohner verbessern wollen. Doch der Weg dorthin war lang und steinig. Die Autorin Jenny von Sperber hat ihn in ihrer Biografie des Menschenaffen Fritz nachgezeichnet: „Fritz, der Gorilla“ (Hirzel). Das Leben des Flachlandgorillas, der mit 55 so krank war, dass er 2018 eingeschläfert werden musste, ist typisch für das Schicksal vieler Wildtiere in Gefangenschaft. Fritz wurde 1966 mit drei Jahren in Kamerun gefangen und in einer Kiste nach Europa verfrachtet. Seine Eltern waren wahrscheinlich getötet worden. Damals kauften die Zoos die Gorillas von legal operierenden Wildhändlern. Seit 1973 gibt es das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES, und die Wildtierjagd ist offiziell verboten.

Fritz wurde zunächst im Tierpark Hellabrunn in München untergebracht. Das Gorilla-Waisenkind wurde gewickelt, die Pfleger spielten mit ihm. Aber sie machten auch viel falsch. Gorillas sind Vegetarier. Fritz bekam Würste, Lammfleisch und Bier zu trinken. Es galten Frühstück, Mittag und Abendessen, und die Tiere mussten Lätzchen tragen. Heute füttert man acht bis zwölf Mal am Tag, weil ein Gorilla in freier Wildbahn auch ständig frisst.

Mit sieben Jahren wurde Fritz nach Nürnberg verkauft, für 32.000 Mark. Ob sich irgendjemand darüber Gedanken gemacht hat, wie es dem Gorilla ging, wieder verfrachtet zu werden? Jungtiere wie er mussten mit Löffeln essen. Fritz hielt sich zeit seines Lebens beim Niesen die Hand vor die Nase. Man brachte ihn in sterilen Kachelkäfigen unter, weil die besser zu reinigen waren.

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Das weltweit erste im Zoo geborene Gorillababy hieß Colo. Am 22. Dezember 1956 hatte das Gorilla-Weibchen in Ohio das Licht der Welt erblickt. Der Zuchtehrgeiz wuchs. Heute gibt es 500 Gorillas europaweit von 98 Gründertieren. Gorilla Fritz hat sechs Kinder gezeugt. In vier Generationen sind 40 Nachkommen zur Welt gekommen. Doch Fehler über Fehler geschahen in den 70ern. Die Pfleger nahmen Liane, einer Frau von Fritz, ein Baby ab, zogen es mit der Flasche auf, fatal, denn Gorillas lernen durch Anschauung und Nachahmung. Viele Handzuchttiere blieben steril, sie interessierten sich nicht für Artgenossen.

Der Weltverband der Zoos und Aquarien (WAZA) definiert artgerechte Haltung dahin gehend, dass die Tierhaltung eine „gute Situation hinsichtlich des Wohlergehens des Tieres herbeiführt und ein Tier gesund, behaglich, gut genährt und sicher leben kann, außerdem in der Lage ist, angeborenes Verhalten zu zeigen und nicht unter unangenehmen Zuständen wie Schmerz, Angst und Notleiden lebt“. Zootiere werden behütet wie in einem Wohlfahrtsstaat. Das Tier ist kein Gegenstand mehr, man spricht vom Individuum. Aber es „arbeitet“ nicht, sein Zuhause ist ein künstliches Habitat und es muss beschäftigt, ja bei Laune gehalten werden. In freier Wildbahn würden diese Tiere sterben: Reviere müssen verteidigt, Nahrung gesucht, Krankheiten überlebt werden. Im Zoo ist es sich sicherer. Aber freier?

Die Fritz-Linie ist über ganz Europa verteilt. Sohn Schorsch landete in einer Junggesellen-Gruppe auf Teneriffa. Schorsch war so degeneriert, dass er anfänglich lieber auf Beton lief als auf Rasen, weil er den nicht kannte. Ein Enkel von Fritz, Ivo, wurde 1988 in München geboren. Michael Jackson war so begeistert, dass er das Baby kaufen wollte. Bekannterweise legte er sich stattdessen den pflegeleichteren Schimpansen Bubbles zu. Ivo lebt heute im Saarbrücker Zoo, als imposanter alter Herr, ein Silberrücken, wie ein Gorilla etwa ab dem zwölften Lebensjahr genannt wird, dann wird sein Fell silbrig-grau. Weniger gut erging es Fritz’ Sohn Toni. Er landete in Kiew und wurde jahrelang in einem dunklen Loch gehalten. Hayden Panettiere, die frühere Frau von Wladimir Klitschko, ließ ihm ein besseres Gehege bauen. Jetzt ist Krieg. Ob der Zoo überlebt?

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In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Verhältnis der Menschen zur Fauna fundamental geändert. Heute spricht man von Tieren als nicht-menschlichen Personen. Klagen von Tierschützern in den USA, aber auch in Indien und Pakistan führen dazu, dass Zoo auf die Haltung von Elefanten, Giraffen oder Walen verzichten. Ist dies das Ende der Zoos, wie wir sie jahrhundertelang kannten? Ein Zoobesuch bleibt eine emotionale Achterbahn zwischen Faszination, Rührung – und Scham. Es ist gut, die Schönheit und Exotik der Tiere zu erfahren. Die Käfige und manchmal auch der Showcharakter hingegen sind abstoßend. Doch dann bewegt wieder die Freude der Kinder. Staunen und Respekt wollen schließlich gelernt sein. Ein zoologischer Garten sei „die einzige konfessionell und politisch unabhängige Organisation weltweit, die Vorbild und Nährboden für die sich derzeit rasant entwickelnden Ökologiebewegungen sein kann“, sagt Natascha Meuser, Architekturprofessorin und Expertin für Zooarchitektur.

Eine Welt ohne Zirkusse ist längst vorstellbar. Eine Welt ohne Zoos nicht. Und es bleibt fraglich, ob Fatou, Fritz und all die anderen Tiere, die in Zoos ein langes bis zum Tod betreutes Leben führen konnten, gegen ein Dasein in der Wildnis hätten tauschen wollen.

Andrea Seibel für DIE WELT, erschienen am 05.05.2022

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Das FRITZ die bisher einzige Biographie eines Menschenaffen erhalten hat ist schon ein Erfolg. 10 Jahre vor seinen Tod habe ich ihn als Zoobesucherin begleitet. Er wurde zum Freund. Weglaufen konnte er ja nicht. Im hohen Alter war ihm vergönnt in einer Gorilla-Familie zu leben. Er hat drei jugendlichen Gorillas gezeigt, wie Familienleben aussieht. Zwei weiteren in Afrika gefangenen weiblichen Tieren war er ein verlässlicher Partner, der nie zu viel von ihnen forderte. Mittlerweile sind auch BIANCA und LENA verstorben. Als ich anfangs FRITZ fotografierte, waren es Zoofotos wie sie jedermann in den Zoos schoss. Die letzten Jahre lang konnte ich den charismatischen Silberrücken sehr persönlich mit meinen Fotos einfangen. Ein paar dieser Fotos sieht man auch im Buch.

Seit FRITZ tot ist, sind meine Zoobesuche immer weniger geworden. Den Tiergarten Nürnberg besuche ich nicht mehr. Ich habe heute, FRITZ starb 2018 - ein anderes Bild von ihm in mir. Vor allem bei meinen Phantasiereisen im autogenen Training ist FRITZ frei. Er kommt behäbig aus dem Dschungel und setzt sich zu mir an einen kleinen Fluß. Wir lassen Gedanken auf Blättern schwimmen.

Viele Menschenaffen leben unwürdig für ihre Art in den Zoos und da muss sich etwas ändern. Das Darwineum in Rostock macht es vor. Bei den Menschenaffen in Nürnberg hat sich nach FRITZ Tod nur eines geändert, die Innenanlage wurde neu gestrichen. Der Tiergarten möchte FRITZ kein Denkmal setzen. Es ist fast so, als würde man ihn aus dem Gedächtnis streichen wollen.

Jetzt braucht er kein Denkmal mehr, denn er hat nun seine eigene Biographie.

Heike Arranz Rodriguez an das GREAT APE PROJEKT über FACEBOOK 


Jenny von Sperber ist eine ungewöhnliche Biographie eines Menschenaffen gelungen. Bei einer Begegnung im Zoo lässt der charismatische Silberrücken FRITZ sie nicht aus den Augen. Dieses Aufeinandertreffen begleitet uns durch ein Gorilla-Leben. Sie spannt dabei sachlich den Bogen zwischen einer Geburt eines Gorillas in der Natur bis hin zum emotionalen Tod in einem deutschen Zoo. Emotionen spielen immer wieder eine große Rolle im Leben des Menschenaffen, die die Autorin in ihrem Buch bewusst immer wieder aufgreift, wenn es um FRITZ geht.

Im Fall von FRITZ hatten Menschen stets mit ihrer Willkür sein Leben in der Hand. Sei es als dreijähriger Gorilla, der aus der Wildnis nach München in den Zoo kommt und später im Tiergarten Nürnberg zum Gorillamann heranwächst.

Auf seinen Reisen durch andere Zoos erfüllen sich zum Beispiel die Wünsche der Menschen nicht, dass der junge Gorilla für weitere Sprösslinge sorgt. Es bleibt bei dem Nachwuchs, den er recht früh in Nürnberg gezeugt hat. FRITZ lernte seine Kinder nie kennen. Jenny von Sperber stellt sie uns liebevoll in ihrem Buch vor.

Erst mit über 40 Jahren ist dem Silberrücken vergönnt, Einfluss auf das Leben junger Gorillas zu nehmen. Er lebt in einer Gruppe, ja einer eigenen Familie, dazu zählen nicht nur die haarigen Verwandten, sondern auch Menschen, wie Tierpfleger, Tierärzte oder sogar Zoobesucher.

Menschen prägen ein Tier im Zoo. Jenny von Sperber fragt sich in ihrem Buch, ob es nicht moralisch verwerflich ist, Gorillas in Zoos zu halten, denn nicht jeder Gorilla in Gefangenschaft hat das Glück wie FRITZ in einer Familie zu leben bis ins hohe Alter.

Der Leser wird auf eine Zeitreise der Zoos und deren Wandel mitgenommen. Es lässt viel offen für eigene Gedanken wie es mit den Gorillas im Zoo steht und weitergehen soll. Vor allem müssen wir beiden Tieren gerecht werden. – Den Tieren in der Natur und im Zoo. Wir dürfen nicht die Bedürfnisse des Menschen auf die Gorillas und deren Lebensraum übertragen, sondern ein Gorilla muss ein Gorilla bleiben. 

Heike Arranz Rodriguez


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